Schreibend zu sich selber finden

 

Wenngleich das therapeutische und das literarische Schreiben den gleichen Ansatz haben, und zwar das kreative Schreiben als handwerkliches Instrument zu nutzen, um Worte in einen Text zu fassen, grenzen sie sich doch in einem wesentlichen Punkt klar voneinander ab.

Denn während das literarische Schreiben mit der Vollendung eines Werkes, beispielsweise als Gedicht, als Erzählung oder als Roman ein klares Ziel verfolgt, geht es im therapeutischen Schreiben ausschließlich um den Schreibprozess.

 

Vergleichen Sie es mit einem Spaziergang am Strand, der einzig und alleine dazu dient, wieder einen klaren Gedanken zu fassen oder sich möglicherweise mit einem Problem auseinanderzusetzten, um so, im wahrsten Sinne des Wortes, wieder Bodenhaftung zu bekommen, also zu sich selbst zu finden.

 

Manchmal reichen nur weniger Meter am Meer aus, um wieder ein Gefühl für den Wind zu bekommen, um zu spüren wie sanft das Wasser sein kann, wenn es Ihre Füße umspült und zu erleben, wie schnell es Ihnen gelingt den Geschmack der salzigen Meeresluft wieder in sich aufzunehmen.

Ihre Gedanken fangen an klarer zu werden und zu schweben, gleichsam den Möwen, die neben Ihnen die Thermik der warmen Sommerluft suchen und scheinbar schwerelos dahingleiten.

Nach einem solchen Strandspaziergang kehren Sie garantiert als ein anderer Mensch zurück.

 

Schreibend können Sie das Gleiche für sich bewirken.

Es gibt hier zunächst keine Form, keine Normen, es wird das geschrieben, was Ihnen durch den Kopf geht.

Dabei werden Worte und Textfetzen Ihrer Alltagssprache zu Papier gebracht, die völlig wertungsfrei sind und die zunächst oftmals nur vom Schreibenden, also von Ihnen selbst, gedeutet werden können.

Doch am Anfang gelingt Ihnen möglicherweise nicht einmal das.

Erst nach einem längeren „Spaziergang“ über viele Blattseiten und einer Unmenge verbrauchter Stifte, wird sich eine Thematik herauskristallisieren, die es Ihnen ermöglicht einen roten Faden in Ihrer Schreibarbeit zu erkennen.

Dies ist oftmals ein quirliger Prozess und braucht seine Zeit.

Das Tagebuchschreiben ist beispielsweise eine klassische Form dieser Schreibarbeit, doch es gibt eine Reihe weiterer Schreibmethoden, die in der therapeutischen Arbeit genutzt werden können.

 

 

Therapeutisches Schreiben kann immer dort ansetzten, wo Worte nicht mehr ausgesprochen oder nicht so formuliert werden können, dass sie ausdrücken, was einen berührt.

 

Der erschöpfende und zermürbende Alltag im Beruf, das bewegte Familienleben oder derart erdrückende Erlebnisse, denen man ohnmächtig gegenübersteht und glaubt, sie nicht mehr bewältigen zu können.

Gedanken fangen flugs an permanent zu kreisen und verschleiern den Blick fürs Wesentliche.

Doch sie zu fassen, sie zu ordnen und dann daraus Schlüsse zu ziehen ist oftmals unmöglich.

Gedanken verfliegen zuweilen so schnell, wie sie gekommen sind.

 

Der einmal geschriebene Text hingegen kann nicht mehr aus dem Papier entfliehen.

Er vereint sich mit allen weiteren Buchstaben die auf dem Blatt erscheinen und lässt mit jedem weiteren Wort besser erkennen, worum es geht.

Im kontinuierlichen Schreibprozess entstehen weitere Texte, werden ein ums andere Mal verdichtet, bis Probleme klarer benannt und neue Perspektiven entwickelt werden können.

Schreibtherapie beruht auf Freiwilligkeit und Freiheit des Schreibenden und ist unstete, also andauernde Arbeit am Selbst durch das Medium Sprache und Text.

 

Wie beim Strandspaziergang, wo Sie der Wind anpustet und die Wellen anstupsen, werden Sie Impulse erhalten, Ihren Weg müssen Sie jedoch alleine finden.

Dies mit autogenem Training zu verbinden liegt dabei fast auf der Hand, denn entspannter kommt man viel leichter in den Schreibfluss.

Dass sich aus dem therapeutischen Schreiben möglicherweise ein weitergehendes Schreibprojekt entwickelt, ist nicht ausgeschlossen.

Viele Romane und Erzählungen, Gedichte oder Fantasy-Geschichten haben ja ihren Ursprung in der Auseinander-setzung des Autors mit sich selbst.

 

Dennoch bleibt es das alleinige Ziel des therapeutischen Schreibens, Probleme schreibend in einem Prozess sichtbar zu machen und so lösungsorientierte Ansätze zu finden.