Das Biografische Schreiben gleicht dem Abtasten des Meeresgrundes mit einem Lot.

 

So wie der Seemann dabei auf tiefe Schluchten und gefährliche Sandbänke, auf untergegangene Schiffe und versunkene Städte stößt, so geht auch der Schreibende auf eine Enddeckungstour, die unglaubliche Schätze  aus seinem Leben und scheinbar längst Vergessenes wieder sichtbar an die Oberfläche befördert.

Doch in der Biografiearbeit, ob schreibend oder erzählend, geht es nicht nur darum Erinnerungen hervorzuholen oder einfach Bilanz zu ziehen.

 

Biografiearbeit reflektiert einen Lernprozess, denn ob wir es wollen oder nicht, ob wir es bewusst oder unbewusst betrachten, wir werden fortlaufend mit unserem bisherigen Denken und Handeln konfrontiert und gleichen unsere Erfahrungen und Erlebnisse kontinuierlich mit unseren weiteren Entscheidungen ab.

Was hat uns beschäftigt, gequält, begeistert, zum Lachen oder Weinen gebracht?

Und was hat es in uns ausgelöst?

Dieser Lernprozess, der sowohl auf unserer eigenen Biografie, als auch auf Fremdbiografien beruht, findet permanent statt.

Aus unserer Vergangenheit, also aus unserem autobiografischen Gedächtnis, resultiert unser augenblickliches Handeln.

In unserer Lebensgeschichte spiegeln sich zudem auch immer gesellschaftliche, kulturelle und soziale Gegebenheiten wieder, und so bietet die Auseinandersetzung mit unserer eigenen Biografie den Ansatz für stetiges Lernen und die aktive Gestaltung unseres zukünftigen Lebens.

 

Biografiearbeit ist insofern auch ein Sinnstiftungsprozess, der die Frage nach dem Nutzen des bisher Getätigten stellt und damit auch die Frage nach dem Sinn zukünftiger Handlungen.

 

Biografiearbeit ist folglich Identitätssuche, denn um zu wissen, wer wir sind, müssen wir wissen woher wir kommen, wobei die Frage „Wer bin ich?“ für viele zunehmend schwieriger zu beantworten ist.

Gesellschaftliche Traditionen und Werte, soziale Bindungen und berufliche Kontinuitäten lösen sich einerseits fast bruchartig auf und gehen andererseits mit sehr individuellen, teils radikalen Entscheidungsmöglichkeiten und variabler Lebensplanung einher, wodurch eine Vielzahl von Identitäten entsteht.

Unser autobiografisches Gedächtnis hilft uns dabei diese Vielzahl von Identitäten, die unsere bisherige Lebensgeschichte geprägt haben, in ein relativ stabiles „Ich“ zu vereinen.

 

Es geht dabei also auch um die Festigung der eigenen Identität, um eine Standortbestimmung, von der aus das zukünftige Leben weiterentwickelt werden kann, denn die zunehmende Fülle möglicher Lebensformen und -wege fordert ständig neue Lösungsansätze, um das Leben nach eigener Regie zu gestalten.

Und somit wird Biografiearbeit zur Planungsgrundlage für die eigene Zukunft, denn nur wer weiß wer er ist und woher die Motive seines Handelns kommen, wird wissen wohin er will.

 

Biografiearbeit dient aus der Sicht des Schreibenden oder Erzählenden immer dazu sein Leben bewusst zu gestalten und aus Sicht des Lesenden bzw. Zuhörenden dazu das Leben anderer verstehend zu begleiten.

 


Praxisfelder:

 

Das Spektrum der Biografiearbeit ist sehr breit gefächert und bietet so die Möglichkeit vielfältigster Anwendungen.

Sei es um Krisen zu verarbeiten oder bei der Bewältigung allgemeiner Verdrossenheit, als Sinngebung und Unterstützung für eine Neuorientierung, aber auch um sein Wirken in den gesamtgesellschaftlichen Kontext einzuordnen und eine Bilanz seines bisherigen Lebens zu ziehen.

Zudem regt die Biografiearbeit zu einem Perspektivwechsel an, der Veränderungen von Blickrichtungen, Sichtweisen, Standpunkten und neuen Handlungs-, Wahrnehmungs- und Deutungsmustern ermöglicht.

 

Dementsprechend kann biografisches Arbeiten in verschiedensten Lebensbereichen genutzt werden, wie zum Beispiel im Schul- und Ausbildungsbereich, an Universitäten genauso wie in Seniorenheimen, in Selbsthilfegruppen oder in beraterisch-therapeutischer Arbeit, wobei die inhaltlichen Felder unerschöpflich sind.

Familie und Beruf, Kinder und Hobbys, Religion und Politik, historische Ereignisse und gesellschaftliche Konflikte, kein Thema ist dabei ausgespart, denn die individuelle Biografie ist immer eingebettet in ihr gesellschaftliches Umfeld und wird von ihm geprägt, genauso wie sie vom Unbewussten beeinflusst wird, von Begehren und Süchten, Trieben und Blockaden.

 

Die Vielfalt der Methoden des biografischen Schreibens, die sich aus mannigfachen Formen, Gestaltungsvarianten und Abläufen ergeben, ermöglicht es dabei, sie in unterschiedlichen Konstellationen durchzuführen, wie in Einzel-, Gruppen- oder Partnerarbeit.